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Stagnationsgesellschaft oder Innovationsgesellschaft?

“Wir stehen an einer Weggabelung, ob wir Innovationsgesellschaft bleiben oder Stagnationsgesellschaft werden“. Das sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) an diesem Samstag während des dritten sogenannten Deutschlandkongresses von CDU und CSU in München. Es ist wichtig, dass auch die Politik (endlich) die Ernsthaftigkeit des aktuellen Wandels begreift und diesen als Gesellschaftliche Herausforderung annimmt.

Von daher können wir alle froh sein, dass in so ziemlich jeder Partei über den digitalen Wandel gesprochen wird. Aber stehen wir tatsächlich noch an der von Herrn Dobrindt als so entscheidend benannten Weggabelung? Oder sind wir nicht vielmehr schon darüber hinaus geraten und befinden uns aktuell auf dem Kurs zur Stagnationsgesellschaft?

Diese Frage stellt sich mir persönlich im Grunde genommen jeden Tag. Ich treffe viele tolle und innovative Menschen. Menschen die begriffen haben, dass sich unser Zusammenleben, die Art wie wir arbeiten, und im Grunde genommen unser ganzes Leben durch die Digitalisierung entscheidend verändern wird. Auf der anderen Seite treffe ich mindestens genauso viele Menschen, denen nicht bewusst zu sein scheint, wie viel schneller der Wandel sich in Zukunft noch vollziehen wird und auf welche Lebensbereiche sich dieser auswirkt.

Was mir daran Angst macht? Das häufig diejenigen, die vermeintlich mehr Einfluss auf die Gestaltung von Wirtschaft, Politik und gesellschaftlichem Zusammenleben haben, am wenigsten ins Bewusstsein rufen, dass Digitalisierung nicht nur eine weitere industrielle Revolution ist. Diese Menschen haben lange Zeit die Digitalisierung überhaupt nicht wahrgenommen. Heute können sie nicht mit ihr umgehen. Das ist so lange nicht weiter schlimm, wie sich das Handeln bzw. nicht Handeln dieser Personen nicht auf andere auswirkt. Die Natur der Sache scheint es aber zu sein, dass eben diese Menschen mit ihren Entscheidungen großen Einfluss auf die Gesamtgesellschaft nehmen.

Die positiv gestimmten Menschen, mit denen ich mich darüber austausche, sehen das Ganze nicht so verbissen. Sollen doch die Unternehmen, deren Inhaber, Geschäftsführer und Vorstände das Thema nicht schnell genug begreifen, verschwinden. Wirtschaft ist stetiger Wandel. Immer schon verschwinden große und kleine Unternehmen vom Markt und werden ersetzt. Das ist auch nicht falsch. Ich sehe das sogar ganz ähnlich. Wer nicht mithalten kann, hat es nicht “verdient” weiter am Markt zu sein.

Der Unterschied zu den Wandlungsprozessen, wie wir sie bis vor kurzem gekannt haben, ist aber ein ganz entscheidender. Heute geht alles viel schneller. Gesetzgeberische Vorgaben, Politik und Gesellschaft haben aktuell wenig Chancen sich tatsächlich mit dem Wandel zu beschäftigen. Dazu sind Entscheidungswege zu lang. Außerdem fehlt es oftmals an notwendigem Fachwissen.

“Früher” ging ein Unternehmen eher langsam vom Markt. Mitbewerber und neue Marktteilnehmer konnten sich entsprechend darauf einstellen. Politiker konnten gemeinsam mit Gewerkschaften sozialverträgliche Lösungen schaffen, die sicherstellten das viele der freigesetzten Arbeitnehmer schnell wieder neue Arbeit finden konnten. “Heute” vollzieht sich der Wandel schneller. Wir sind kaum noch in der Lage zu folgen. Hinzu kommt, dass gerade die Institutionen die an den wichtigen Entscheidungen mitwirken lange Zeit den Wandel nicht wahrgenommen oder verleugnet haben.

Wir können nur hoffen, dass es noch nicht zu spät ist. Dass die Automobilindustrie wirklich erkannt hat, was die Zeichen der Zeit sind. Dass Energieversorger in der Lage sind, den Wandel mitzugehen und das unser wirtschaftliches Rückgrat – der Mittelstand – lernt Innovation schneller zu betreiben. Der Mittelstand war immer schon innovativ. Er war aber noch nie sonderlich schnell wandlungsfähig. Dies führt dazu, dass ich heute sehr oft Aussagen zur Innovationsfähigkeit des Mittelstands höre, die wohl eher als Beruhigungspille für den Mittelstand selber dienen sollen.

Dann heißt es, der Mittelstand sei seit einer Ewigkeit der innovativste Teil der weltweiten Wirtschaft. Und auf dieser vermeintlichen Tatsache ruht man sich dann aus. Das diese Aussage richtig ist, bestreitet niemand. Nur heute gilt sie nicht mehr! Innovation kommt von ganz anderer Seite. Und das mit viel höherer Geschwindigkeit als sich das ein klassischer Mittelständler vorzustellen vermag.

Aber Kopf hoch. Digitalisierung bedeutet für den einzelnen viel Spielraum für Individualismus. Das gilt auch für Arbeitsverhältnisse bzw. Arbeit als Lohnerwerb generell. Was wir heute noch als prekär empfinden, wird in einer zukünftigen Gesellschaft vielleicht das Arbeitsmodell sein mit dem wir leben. Viele kleine Jobs und mehr Selbständigkeit. Immer verbunden mit der Tatsache, dass wir austauschbarer werden und Arbeitsrechtliche Errungenschaften an vielen Stellen nicht mehr greifen. Damit sind wir bei einer weiteren Institution die dringend das Thema Digitalisierung als Punkt auf die Agenda setzen muss. Nämlich unsere Gewerkschaften! Wie können wir in diesen wirtschaftlich herausfordernden Zeiten sicherstellen, dass wir nicht wieder auf ein Niveau wie in Frühindustrieller Zeit zurück fallen?

Viele Fragen auf die ich nicht unbedingt Antworten habe. Drüber nachdenken lohnt sich aber. Und möglichst oft deutlich machen, dass wir schon ein kleines Stück in die falsche Richtung gegangen sind und dringend umkehren sollten, kann auch nicht schaden! Vielleicht hört es ja jemand!