Digitalisierung im Mittelstand: So geht’s nicht!

Gestern. Affenhitze und meine Konzentration lag am Boden. Beim durchscrollen meiner Facebook Timeline sehe ich, dass gleich zwei meiner Facebook-Freunde einen Artikel der t3n als positives Beispiel und gar als nützlichen Ratgeber in Sachen Digitalisierung im Mittelstand geteilt haben.

Es geht um den Beitrag mit dem Titel “Digitalisierung im Mittelstand: So geht’s“. Ja, im Artikel stehen ein paar Dinge, die sind richtig. Zum Beispiel die Tipps zur Herangehensweise gefallen mir ganz gut. Andere Dinge die im Artikel erwähnt werden, haben mir trotz der extrem hohen Temperaturen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen.

Es fängt schon haarsträubend an. Der Vorwurf, Digitalisierung im Mittelstand würde in vielen Fällen aus reinem Selbstzweck propagiert und hätte oftmals keinen echten Hintergrund oder Mehrwert, legt nahe, dass Mittelständler sich gerne weiterhin viel Zeit lassen können. Alles nur Hype ohne konkreten Nutzen.

Diese Aussage ist fahrlässig. Sie verharmlost die Risiken, die dem deutschen Mittelstand in Zukunft das Leben deutlich erschweren werden. Digitalisierung ist für alle diejenigen, die dieses Thema nicht ernsthaft auf der Agenda haben, ein Risiko, das nicht nur zum Verlust einiger Prozentpunkte bei den Marktanteilen führen kann. Es kann schlimmer kommen. Wer nicht sinnvoll digitalisiert, wird in seiner Branche über kurz oder lang keine Rolle mehr spielen.

Ja. Das klingt nach Angstmacherei. Aber es ist nun einmal Realität und ich weiß mittlerweile auch nicht mehr, wie ich es weniger hart und bedrohlich klingen lassen soll.

Der Artikel geht aber noch weiter. Als Beispiel wird die Firma Perschmann aus Braunschweig genannt. Frank Haberstock, seines Zeichens Mitglied der Geschäftsleitung, könne dieses ständige Digitalisierungsgerede nicht mehr hören. Perschmann sei seit vier Jahren mitten drin in der Digitalisierung!

Das ist ja gut und schön. Ich freue mich über jeden Mittelständler, der das Thema begriffen hat und umsetzt. Nur leider ist Perschmann offensichtlich eine Ausnahme. Jede aktuelle Untersuchung und auch jede persönliche Erfahrung der jüngeren Zeit zeigt mir, dass wir immer noch ein verdammt dickes Brett zu bohren haben. Aktuell hat der Mittelstand nur an der Oberfläche gekratzt.

Natürlich ist Digitalisierung kein Selbstzweck

Diese Überschrift sollte eigentlich gar nicht nötig sein. Nichts von dem, was wir als Unternehmer tun, sollte reiner Selbstzweck sein! Das trifft selbstverständlich auch auf die Digitalisierung zu. Aber die t3n hat eine ähnliche Überschrift für den nächsten Abschnitt des Artikels gewählt… Da dachte ich mir, ich muss das noch einmal verdeutlichen!

Jetzt kommt einer der vielen Berater unserer Republik zu Wort. Roland J. Gördes, Geschäftsführer der Unternehmensberatung GRC Consulting. Er berichtet, dass seine mittelständischen Mandanten das Wort “Digitalisierung” schon fast als Schimpfwort empfinden würden. Traurig aber es wird wohl wahr sein…

Dass Digitalisierung nicht ohne Bezug zum Unternehmen und zum Markt daherkommen darf, ist meiner Meinung nach selbstverständlich und es wird auch den meisten Inhabern mittelständischer Unternehmen klar sein. Diese Aussage ist also vollkommen überflüssig. Oder soll durch sie der Eindruck entstehen, dass Digitalisierung bisher nur als reiner Selbstzweck betrieben wurde? Hoffentlich nicht!

Und jetzt kommt es! Ein großer Teil der Unternehmen sei schon auf digitalen Pfaden unterwegs, schreibt die Verfasserin des Artikels, Alexandra Vollmer. Wieder kommt Herr Gördes zu Wort. Haarsträubenderweise nennt er die Kommunikation per eMail, Webauftritte und den Einsatz von ERP-Systemen als positive Beispiele für digitalisierte Mittelständler. Ich wäre fast erfroren als ich dies las. Trotz 32 Grad im Schatten.

Herr Gördes. Es tut mir leid. Aber diese Aussage ist komplett daneben! Nichts von dem, was Sie hier heranziehen, hat auch nur einen Hauch mit der Digitalisierung zu tun, die aktuell voranschreitet! Digitalisierung ist nicht elektronische Kommunikation. Digitalisierung muss viel tiefer greifen als einfach einen neuen (zusätzlichen) Kommunikationskanal zu eröffnen. Digitalisierung wird Geschäftsmodelle vollkommen verändern.

Genau solche Aussagen wie die im t3n-Artikel zitierten bringen die Gefahr mit sich, dass Digitalisierung nicht ernst genommen wird. Wer sich aber auf eMail, Webauftritt, ERP-System, elektronischem Dateiaustausch, usw. ausruht, der ist nicht digital und wird es auch nie werden! Leider.

Wie viel Digitalisierung braucht es?

Immerhin. Der Digitalisierungsexperte der Beratung GRC aus Hannover, Dr. Jan-Frederik Engelhardt, hat erkannt, dass es keine Frage ist, ob man sich als Mittelständler mit der Digitalisierung befassen sollte.

Allerdings scheint auch er davon auszugehen, dass die meisten Unternehmen in Deutschland bereits auf einem guten Weg sind. Sie müssten sich eben nur bewusst machen, dass vieles von dem, was sie heute bereits tun, zur Digitalisierung gehört. Wieder falsch! Aber das war ja zu erwarten, immerhin beruht diese Aussage auf der seines Chefs. Dem widerspricht man vllt. besser nicht.

Einen guten Tipp gibt Herr Dr. Engelhardt trotzdem. Statt zu überlegen, ob man sich als Mittelständler mit Digitalisierung beschäftigen müsse, sollten sich Unternehmer bewusst machen wo sie gerade stehen. Leider sagt Dr. Engelhardt dies nicht, weil er damit verdeutlichen möchte, dass die meisten Mittelständler noch einen langen Weg zu beschreiten haben. Vielmehr dient für ihn die Klärung des aktuellen Status dazu zu entscheiden, ob noch mehr Digitalisierung notwendig sei. Wie ich darüber denke, dürfte klar geworden sein?!

Ich finde auch, dass sich jeder Mittelständler klar machen sollte, wo er heute in Sachen Digitalisierung steht. Die Tatsache, dass man neben dem Telefon oder der Post noch andere Kommunikationswege nutzt, sollte aber keinesfalls zu dem Schluss verleiten, man habe schon mit der Digitalisierung begonnen!

Zu Digitalisierung gehört (ich schrieb es schon!) wesentlich mehr als Kommunikationskanäle zu ergänzen oder Prospekte als Webseite digital darzustellen. Es geht um einen grundlegenden Wandel in allen Unternehmensbereichen. Es geht darum, dass sich so ziemlich alle Branchen

  • auf ein neues Kundenverhalten,
  • auf veränderte Rahmenbedingungen,
  • auf viel niedrigere Markteintrittshürden,
  • auf eine vollkommen neue Handlungs- und Denkweise von Kunden
  • und (potentiellen) Mitarbeitern und
  • auf die Veränderung von Geschäftsmodellen

einstellen müssen.

Geschäftsmodell checken

Jetzt kommt der Teil des Artikels, der mich wieder ein wenig versöhnt. Es geht ans Eingemachte. Die Sicht auf den Markt und den Check des eigenen Geschäftsmodells.

Der Hinweis, dass Digitalisierung niemals der Ausgangspunkt für diesen Check sein dürfe sondern lediglich nur eine mögliche Antwort auf die Frage darauf, wie das Unternehmen am Markt erfolgreicher agieren könne, ist zumindest nicht falsch. Dass Digitalisierung heute immer eine der Antworten sein wird, darf man aber auch nicht vergessen zu erwähnen!

Also. Geschäftsmodell checken ja. Dabei sollte man als Mittelständler aber immer im Blick haben, dass jede potentielle Verbesserung des Geschäftsmodells immer digital sein wird. Sein muss, wenn man gegen neu hinzukommende wesentlich digitalere Mitbewerber oder einfach gegen bestehende Mitbewerber die kapiert haben, was Sache ist, bestehen möchte.

Herr Gördes rät im Weiteren zu Besonnenheit. Da Panik nie ein guter Begleiter ist, darf man diese Aussage wohl getrost als richtig bezeichnen.
Was mich nach den vielen komischen Aussagen dann doch positiv überrascht hat ist der letzte Tipp, den Herr Gördes gibt: Zurücklehnen! Nicht im Tagesgeschäft aufreiben lassen, sondern immer den Blick auf neue Entwicklungen behalten.

Genau dies ist nämlich ein Punkt, der meiner Meinung nach sehr dazu beitragen würde, Digitalisierung im Mittelstand schneller umzusetzen. Vielen Mittelständlern geht es sehr gut. Die Auftragsbücher sind voll. Das führt dazu, dass keine Zeit vorhanden ist, die man für die Neuausrichtung des Unternehmens aufwenden könnte. Das ist zwar gefährlich, aber nachvollziehbar. Aufbrechen müssen wir dieses Verhalten trotzdem, denn wenn es erst einmal schlechter wird, dürfte es für umfassende Digitalisierungsmaßnahmen zu spät sein.

Vielleicht ist das Modell, dass Frank Haberstock und die Firma Perschmann umsetzen, auch für andere Unternehmer gangbar?! Perschmann beschäftigt heute sogenannte Trendscouts, die den Kundenbedarf zeitnah einfangen und so eine schnelle Reaktion ermöglichen. Finde ich gut!

Mein Fazit

Ich kann nicht sagen, was die t3n dazu bewogen hat, einen solchen Artikel zu veröffentlichen. Augenscheinlich verspürt man den Drang, Beruhigungspillen zu verteilen.

Fest steht, dass viele der getätigten Aussagen von Beraterseite komplett daneben sind. Es nutzt rein gar nichts, seinen Kunden nach dem Mund zu reden. Es hilft auch nicht, beruhigend einzuwirken, indem man einfach behauptet, der Mittelstand sei schon mittendrin in der Digitalisierung.

Was wir aktuell brauchen sind positive Beispiele. Das wird im Artikel mit der Firma Perschmann versucht. Aber leider kommt dieses Beispiel viel zu kurz. Stattdessen kommt ein Beratungsunternehmen überdurchschnittlich stark zu Wort, dem ich nach den getätigten Aussagen nicht zutraue, Digitalisierungsprojekte erfolgreich umzusetzen.

Vielleicht kann ja die t3n Herrn Haberstock noch einmal gesondert befragen und Beispiele für die Digitalisierung bei Perschmann benennen die verdeutlichen, was Digitalisierung im Mittelstand bedeutet und wie man am besten anfängt. Das würde dann wirklich weiterhelfen und keinen Mittelständler in die Arme von Beratern treiben, die im Zweifel nicht wirklich wissen, was zu tun ist.

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